Die Abenteuer eines Bären


1. Wie alles begann

Mein Name ist Henry N. Brown Junior, das Licht der Welt erblickt ich am …, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Bei Katja und Wolfgang bin ich auf jeden Fall schon eine ganze Weile, eigentlich fast mein ganzes Bärenleben. Wie ich zu meinem Namen kam und wie ich zu einem Weltreisebär wurde will ich euch hier erzählen.

Seit ich bei den beiden wohnte, saß ich die meiste Zeit im Regal zwischen Fantasybüchern, Sciencefiction und Thrillern und beobachtete stumm das Leben um mich herum. Es war ein ruhiges, aber auch manchmal etwas langweiliges Leben. Die Tage plätscherten so dahin, ohne das irgendwas Aufregendes passierte, bis, ja bis eines Tages der Umzug von unserer kleinen 2-Zimmer Wohnung in ein richtiges großes Haus anstand.
Freudig erregt, aber auch gleichzeitig ängstlich harrte ich der Dinge die da kamen.Was wenn sie mich vergessen, was, wenn der Karton, in dem ich landete, verloren gehen würde oder unausgepackt auf dem Dachboden gelagert wird? Leider kann ich nur gut zuhören aber nicht reden und so blieben meine Ängste ungehört und ich wurde, so wie alles andere auch, in eine Umzugskiste gepackt.
Nach gefühlten Jahren, es waren aber wohl nur Tage, wurde der Karton geöffnet und ich konnte mich endlich wieder umschauen. Hier roch alles ganz neu und eine Zeitlang sah alles noch sehr chaotisch aus. Aber das Chaos lichtete sich schnell und nachdem die ersten Regale standen landete ich wieder, gemeinsam mit einigen anderen Freunden, zwischen den Büchern. Die beiden sind echte Leseratten und haben mehrere hundert Bücher. Mir sollte es recht sein. Ich fühlte mich hier wohl und freute mich immer wenn die beiden abends nach Hause kamen und ich Ihren Gesprächen lauschen konnte, denn das sie auch nach Jahren immer noch verliebt ineinander waren, konnte ich deutlich spüren. Ein Bärenherz ist da sehr sensibel.

Viele Jahre (eigentlich waren es nur 5) verbrachte ich so im Bücherregal, bis zu dem Zeitpunkt, an dem meine beiden lieben Menschen beschlossen, dass Dachgeschoss auszubauen. Ich bekam einen neuen, völlig ungewohnten Platz. Das Bett wanderte unter ein großes Dachfenster und ich mit ihm. Von hier aus konnte ich des Nachts wenn alle schliefen immer die Sterne bewundern und von Reisen in ferne Welten träumen.
Und dann eines Tages war es auf einmal so weit. Mein bis dahin geruhsames, wenig aufregendes Leben änderte sich völlig abrupt. Immer öfters bekam ich Gespräche mit, die mich nachdenklich machten. Da war die Rede von Job kündigen, Haus verkaufen, Sachen verschenken … und ich dachte immer, den Menschen wäre Besitz und Karriere so wichtig. Manchmal so wichtig, das sie ganz vergessen, was wirklich wichtig ist im Leben. Was war hier los? Irgendwas Entscheidendes muss ich verpasst haben. Wollen sich die beiden trennen? War die Liebe doch nicht so groß wie ich dachte zu spüren? Das konnte und wollte ich nicht glauben!
Wolfgang flüsterte mir eines morgens zu, ich müsse jetzt ganz still sein, was ich ja von Natur aus sowieso bin, da er eine Überraschung für Katja plane und steckte mich in seinen gepackten Wanderrucksack. Ich jubelte innerlich. Kein Mensch plant eine Überraschung wenn er den anderen nicht mehr lieb hat. So landete ich für die nächsten Stunden etwas unsanft zwischen Socken,T-Shirts und Regenjacke. Na ja, immer noch besser als wieder in einer Umzugskiste zu sitzen und nicht zu wissen, ob man jemals wieder daraus entkommt.
Ab und zu konnte ich einige Gesprächsfetzen hören, aus denen ich schloss, das wir in Österreich sind aber noch war ich im Rucksack gefangen. Hätte ich damals schon gewusst was noch auf mich zukommt, ich hätte nicht mit meinem Schicksal gehadert eingesperrt zu sein, sondern hätte mir ein gemütliches Plätzchen zwischen der Wäsche und der Ausrüstung gesucht.
Endlich, ein Lichtschein, der Rucksack wird geöffnet und ich bin wieder befreit und kann mich umsehen. Es ist noch früh am Morgen und das Licht verbreitet eine ganz besondere Stimmung. Beinahe hätte ich es vergessen, Katja hat heute Geburtstag. Darum auch die Geheimniskrämerei von Wolfgang, ich war das Geschenk. Seltsam, ich wohne doch schon solange bei den beiden, warum werde ich denn jetzt verschenkt? Andererseits strahlte ich innerlich bei dem Gedanken, schließlich mache ich gerne die Menschen glücklich und jeder ist doch glücklich wenn er etwas geschenkt bekommt. So saß ich grübelnd auf der Fensterbank, blickte auf die Berge und wartete darauf was passieren würde.
Dann kamen sie endlich vom Frühstück wieder. Ich konnte Katja ansehen, das sie sich freute, mich zu sehen, aber im ersten Augenblick war sie wohl auch ein wenig verdattert. Doch dann blitzte es in ihren Augen auf und sie sagte: „Wird das unser Weltreisebär?“ Weltreisebär??? Was geht hier vor? Ich war zwar noch nie in Österreich, aber selbst ich weiß, das es nicht besonders weit weg von Deutschland ist und man ganz sicher hier nicht von einer Weltreise sprechen kann. Bevor ich das ganze Gerede über Maskottchen und Weltreise verstehe, werde ich schon wieder im nächsten Rucksack verstaut, diesmal bei Katja. Halt, moment mal, kann ich nicht ein bisschen rausgucken, hier drinnen ist es doch immer so finster.
Aber schon ein paar Minuten später geht das Geschaukel los und jetzt bin ich sehr froh, das ich sicher verstaut bin und nicht irgendwo verlorengehen kann.
Unterwegs bekomme ich jetzt auch langsam mit, was die beiden planen, denn das wird bei dieser Wanderung mit Freunden eifrig besprochen und diskutiert. Katja und Wolfgang wollen auf Weltreise gehen, deswegen wollen sie auch das Haus verkaufen und haben bereits ihre Arbeit gekündigt.

Was für eine Erleichterung für mich. Und ich befürchtete schon mein großes Bärenherz zerbricht wenn sich die beiden trennen. Aber nein, genau das Gegenteil ist der Fall, so ein Abenteuer zu zweit zu erleben, wie freue ich mich für die beiden. Und ich soll sie wohl begleiten? Wie oft habe ich in die Sterne geguckt und mir vorgestellt wie es wo anders auf der Welt aussieht, ob es da auch Teddys gibt, ob da auch Kinder ihre Stofftiere in den Arm nehmen, wenn sie Angst haben oder Trost suchen. Ich war wahnsinnig gespannt was da auf uns zukommt.
Einen Vorgeschmack bekam ich auf jeden Fall bei dieser mehrtägigen Wanderung. Tagsüber hieß es ab in den Rucksack, so langsam gewöhnte ich mich auch daran und hab ein bequemes und kuscheliges Plätzchen gefunden. Während der Pausen durfte ich meistens raus, was immer furchtbar spannend war, mich aber auch immer etwas beunruhigte. Wie leicht konnten sie mich vergessen und dann würde ich hier in den Bergen zwischen Kühen und Felsen sitzen und kann nur hoffen, dass mich jemand findet und mitnimmt.
Ich machte jedes mal drei Kreuzchen, wenn ich dann doch noch ganz oben auf dem ganzen Gepäck landete und der Rucksack wieder fest verschlossen wurde. So sehr es mir am Anfang missfiel, in den Rucksack eingesperrt zu sein, so sehr genoss ich es inzwischen. Hier war meine neue Heimat, hier war ich sicher und immer in der Nähe von meinen Menschenfreunden. Zum ersten Mal sah ich Schnee, und konnte spürten wie nass und kalt er ist und doch so weich und sanft. Oder wie die Blumenwiesen dufteten und die Bienen emsig summten. Einen Namen hatte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings immer noch nicht.

Wieder zurück in Deutschland, wurde es jetzt richtig ungemütlich. Das Haus war verkauft und es mussten mal wieder Umzugskartons gepackt werden. Da nicht klar war wie lange wir auf Reisen sein würden musste der Hausrat verkleinert werden, und es wurde kräftig aussortiert. So kam auch ein ganzer Schwung meiner früheren Freunde weg. Erst war ich sehr traurig. Wie konnten Katja und Wolfgang uns das antun. Aber dann wurde mir klar, das all die Stofftiere nicht in der Mülltonne landeten, sondern verschenkt wurden und so ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich Kinder glücklich zu machen, wieder wahrnehmen konnten. Ich war unheimlich froh, das ich bei den beiden bleiben konnte und freute mich schon auf das nahende Abenteuer. Zum Glück hatte ich bei all dem Trubel einen guten Kumpel, den großen Bär. Wenn alle anderen schliefen, konnten wir uns stundenlang unterhalten und haben aufeinander aufgepasst, nicht dass noch einer von uns beiden verloren gehen würde, was ja eigentlich bei meinem Freund, dem großen Bär fast unmöglich war, denn er ist wirklich ziemlich groß (im Gegensatz zu mir).

Dann war es soweit und wir waren in unserer neuen, zwischenzeitlichen Heimat angekommen. Sehr gute Freunde von Katja und Wolfgang, Micha und Reinhold, haben den beiden Unterschlupf gewährt. Denn irgendwo mussten ja die ganzen Kartons gelagert werden und wir konnten ja auch nicht auf der Straße leben bis der Flieger ins Abenteuer startet. So war ich also in meinem kurzen Bärenleben bereits das dritte Mal umgezogen. Aber besser, ich gewöhne ich mich erst gar nicht an mein neues Zuhause, denn es soll ja bald losgehen. Aber wie sagte ein schlauer Mensch so schön, zu Hause ist da wo Dein Herz ist, und meines ist auf jeden Fall bei Katja und Wolfgang, also bin ich überall daheim wo die beiden sind, der schlaue Mensch war übrigens Mahatma Gandhi.


2. Erster Halt: Nepal

Die Nervosität vor der Abreise bei den beiden stieg an und damit auch meine. Durfte ich wirklich mit? Gab es denn keine Probleme an den Grenzen. Ich habe ja schließlich keinen Bärenpass und geimpft bin ich auch nicht. Ich will nicht in einer Quarantänestation zwischen lauter Hunden und Katzen landen. Beim Probepacken durfte ich noch nicht mit in den Rucksack, aber der sah ganz schön voll aus. Wo soll ich denn da noch hin? Dann hieß es Abschied nehmen, ich musste mich vom großen Bären verabschieden, denn er hätte wirklich den ganzen Platz im Rucksack ausgefüllt , darum durfte er leider nicht mit. Gut das ich so klein bin und nur meine Liebe und mein Herz so groß sind. Und ab ging es in den kleinen Handgepäck Rucksack von Katja. Ich war heilfroh, das ich nicht in den großen Rucksack musste. Gar nicht auszudenken was passiert wäre, wenn das Gepäck verlorengegangen wäre. So aber war ich sicher bei Katja im Flieger und wartete gespannt auf die Ankunft an unserem ersten Ziel: Nepal.

Kathmandu, die Hauptstadt von Nepal ist ganz schön hektisch. Gibt es denn hier keine Teddys die die Menschen etwas beruhigen? Ich habe mich ganz tief im Gepäck vergraben, um ja nicht herauszupurzeln, denn bei dem chaotischen Verkehr hier, hätte mich keiner mehr wiedergefunden. Erschöpft und müde sind wir bei einer Freundin angekommen, bei der wir paar Tage schlafen konnten. Einige Tage später ging es ins erste große Abenteuer. Eine lange Wanderung stand an. Bald sollte ich erfahren das diese Wanderung aber ganz anders war als die in Österreich bei der ich dabei war.
Diese sollte 18 Tage dauern und ganz schön hoch hinaus gehen. Ich durfte wieder bei Katja in den Rucksack und wenn ich mich sicher gefühlt habe, bin ich auch ab und zu mal raus gekommen und hab mich umgeschaut. Die Berge um uns herum waren viel höher als die, die ich in Österreich gesehen habe, und dann waren da noch große seltsame Tiere, Yaks und Wasserbüffel, denen bin ich lieber nicht zu nahe gekommen. Die Landschaft änderte sich jeden Tag und es wurde immer kälter und kälter. Selbst mir wurde es, trotz Fell, irgendwann nachts zu kalt. Zum Glück durfte ich dann aber bei Katja mit in den Schlafsack kriechen. Tagsüber hab ich mich am liebsten in den Rucksack gekuschelt und gehofft, das es bald wieder wärmer wird. Richtig aufregend war es als ich meine erste Hängebrücke gesehen habe. Uiuiui, die Konstruktion sah aber wackelig aus. Und da muss man drüber? Ich glaub Bären sind nicht schwindelfrei, zumindest mir war nicht ganz wohl bei der Sache. Doch Katja hat die Brücken souverän gemeistert, so dass ich die noch folgenden zig Hängebrücken ohne Angst in Angriff nehmen konnte.
Das Wetter wurde zusehends schlechter und irgendwann war es so eisig das ich selbst in den Pausen lieber im Rucksack geblieben bin. Dazu kam ein eisiger Wind, der hätte mich bestimmt weggeweht. Auf einer Höhe von 5000 m sind Wolfgang und Katja endlich umgedreht, scheinbar war auch ihnen jetzt zu kalt. Danach ging es relativ zügig zurück ins Tal. Das letzte Stück sind wir mit einem Jeep mitgefahren, hey hat das geruckelt und geschaukelt, da wurde einem ja fast schlecht, und das nennen die hier Straße.
Da gerade Wahlen in Nepal waren und es immer wieder zu Streiks kommen konnte, sind wir nach unserer Rückkehr in Kathmandu schnell weiter geflogen.

Das nächste Ziel von Katja und Wolfgang war Kambodscha. Es gab aber keinen Direktflug und da wir sowieso in Malaysia zwischen gelandet sind, blieben wir auch ein paar Tage dort und schauten uns um. Besser gesagt Katja und Wolfgang haben sich umgeschaut, mir war es viel zu heiß und feucht, daher bin ich lieber in der klimatisierten Unterkunft geblieben. Nur der Besuch des Mangrovenwaldes hätte mich auch interessiert. Da ging es jedoch nur mit dem Boot hin und ich habe noch nicht schwimmen gelernt. Außerdem leben dort giftige Vipern in den Bäumen. Fressen die eigentlich auch Bären? So habe ich mich lieber an meinem sicheren Stammplatz im Rucksack aufgehalten und nur den Geräuschen des Dschungels gelauscht.

Das Abenteuer geht in Kambodscha weiter. In diesem tollen und aufregenden Land war ich überall mit dabei und hier habe ich auch meinen Name bekommen. Das erzähle ich euch beim nächsten Mal.

Euer Henry

 

Ein Kommentar zu Die Abenteuer eines Bären

  1. heidi nöldner sagt:

    Katja, die Geschichte ist wunderschön, ich drück dir gaaaanz fest die Daumen, das du damit bei der Schriftstellerin Erfolg hast und noch ein Henri Buch rauskommt mit deinem Autorennamen.
    Viel Glück
    Mama

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.